Letztes Feedback

Meta





 

Todeslauf.

„Jess“, flüsterte ich, „Jess, komm her zu mir.“
Die kleine Hündin spitzte die Ohren und stieß ein Bellen aus. Sie brauchte nur vier kleine Sprünge, um schließlich auf meinen Schoss zu hopsen. Ich kraulte ihr warmes, weiches Fell und schloss sie fest in meine Arme.
„Jess“, murmelte ich wieder, „da hab ich wohl nur noch dich.“
Sie bellte und ich interpretierte das als ein Ja. Immerhin eine, die mich wenigstens ein bisschen verstand. Ich gab ihr ein Leckerli, die ich auf meinem Nachttisch deponiert hatte.  Gierig schlang sie das kleine Stück Fleisch hinunter und stoß zufrieden ein Prusten aus.
„Weißt du, ich glaube, viele Menschen werden sich denken, ich habe das nur gemacht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie werden sich denken: Das dumme Kind ist so selbstsüchtig, hat sie denn gar nicht an ihre Eltern gedacht? Wie sie traurig zuhause am Küchentisch sitzen und sich nichts sehnlicher als ihr Kind zurückwünschen? Aber ich kann das nicht mehr, Jess. Mag sein, dass man für vieles eine Lösung finden kann. Aber hierfür nicht. Mein Leben ist kaputt. Ich kann mit mir selbst nicht mehr leben. Andere Menschen würden so viel dafür geben, leben zu können. Aber was soll ich nur dagegen tun?“
Jess stupste mich sanft mit ihrer feuchten Schnauze an und zwang mich, sie anzusehen. Ihre tiefen, schwarzen Augen sahen traurig aus. Merkte sie, wie es mir ging? Ich strich ihr wieder sanft durch das Fell und wischte mir mit der anderen Hand über das Gesicht, um grob die Tränen zu trocknen.
„Ich will doch gar keine Aufmerksamkeit, weißt du. Aber ich kann einfach nicht mehr. Seitdem das passiert ist… Es weiß niemand davon. Keiner außer dir. Und das soll auch so bleiben, hörst du? Nicht, dass du das Charlie aus der Nachbarschaft erzählst.“
Ich musste lächeln. Charlie war die riesige Bulldogge von nebenan, die Jess über alles liebte. Ich wusste nicht mal, warum mich das so zum Lachen gebracht hatte, aber es sah einfach zu amüsant aus, wenn die beiden über die Wiese tollten und Charlie sich irgendwann auf den Boden warf und Jess damit zu verstehen gab, dass er sich keinen Schritt mehr bewegen würde. Jess hatte Glück. Sie hatte Charlie und meinen Bruder Tom, für sie würde das Leben so und so weitergehen wie zuvor.
„Wisst ihr eigentlich, wie lieb ich euch alle habe? Wie viel ihr mir bedeutet? Ich muss mich verabschieden, Jess. Ich kann sie nicht einfach zurücklassen, ohne sie wissen zu lassen, warum ich nicht mehr hier sein will. Ich kann nicht anders.“
Ich hob sie von meinem Schoss und setzte sie auf den Boden, wobei ihr ein Knurren entfuhr. Auf dem Weg nach unten fühlte ich mich unwohl und so… traurig, als wäre mein Leben jetzt schon zu Ende.
Auf der letzten Stufe roch ich bereits die Gemüselasagne, die meine Mutter wohl in den Ofen geschoben haben musste. Ich stellte mich in den Türrahmen und wartete, bis meine Mutter, die gerade den Tisch deckte, mich bemerkte. Als sie mich bemerkte, lächelte sie.
„Schatz, da bist du ja! Es gibt in ungefähr einer viertel Stunde essen. Kommst du dann einfach runter oder soll ich dich holen?“ Wieder strahlte sie. Für meine Mam war die Welt einfach immer in Ordnung.
„Ich komme einfach.“ Sie wollte schon aus der Tür gehen, als ich ihr meinen Arm in den Weg hielt. „Mam, ich wollte dir einfach mal sagen, wie lieb ich dich habe. Danke, dass du immer für mich da bist.“
Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie schloss mich in ihre Arme und säuselte: „Ich hab dich auch lieb. Verdammt lieb mein Schatz.“  Sie löste sich wieder aus meiner Umarmung. „Aber jetzt muss ich noch die Blumen gießen.“  Sie wandte sich von mir ab und hielt die Gießkanne, die sie in ihrer Hand gehalten hatte, unter den Wasserhahn.
Und in diesem Moment wusste ich, dass ich bereit war.

3.11.13 18:46

Letzte Einträge: Die Wette der Liebe

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen