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Die Wette der Liebe

„Okay, was muss  ich machen, oder sagen, oder tun?“, fragte Chris mich verwirrt.
Er stand neben mir, mitten auf der Tanzfläche und ich erzählte ihm von der Wette, die ich mit meiner besten Freundin Julia abgeschlossen hatte. Die laute Musik machte es schwer, sich zu unterhalten, und andere Pärchen schauten uns genervt an, als sie gegen uns stießen.
Chris war der Einzige, der mir eingefallen war. Allerdings hatte er auch gar keine Wahl, da ich ihn bei der letzten Physikarbeit hatte abschreiben lassen.  Er hatte – wie immer – nichts gelernt und da er sich keine weitere schlechte Note erlauben konnte, war ich seine letzte Rettung gewesen. Im Gegenzug dazu war er mir natürlich etwas schuldig.
„Hm okay, wir machen das so. Erst haben wir geredet, dann hast du irgendwann einen tollen Anmachspruch gebracht, auf den ich sofort eingegangen bin. Darauf sind wir in den Nebenraum gegangen und haben miteinander rumgemacht. Alles klar?“
Das waren eindeutig die schlimmsten Worte, die jemals im Zusammenhang miteinander aus meinem Mund gekommen waren. Ich bemerkte, wie mein Gesicht der Farbe einer Tomate zu gleichen begann und drehte meinen Kopf zur Seite.
Chris sah mich nur noch skeptischer an als zuvor, jedoch begann er irgendwann langsam zu nicken.
„An welchen Anmachspruch hast du denn gedacht?“, fragte er, während wir langsam über die Tanzfläche ins Nebenzimmer verschwanden. Ich sah, wie Julia hinter einer Säule stand uns beobachtete. Doch da hatte sie die Rechnung ohne mich gemacht. Leise schloss ich die Tür hinter mir. Hier waren wir ganz alleine.
„Was weiß ich. Wie wäre es mit: Ich bin Redakteur und schreibe an einem Artikel über Telefonnummern. Könnte ich deine zuerst haben?“
Etwas Dämlicheres hätte mir wohl gerade eben nicht mehr einfallen können. Meine Gesichtsfarbe glich nun wohl mehr einem Stoppschild als einer Tomate.
„Wie kommst du nur immer auf so was.“ Er grinste schief und schaute mich mit seinen rehbraunen Augen direkt an. Verlegen schaute ich zu Boden und merkte, wie die Tränen in mir aufstiegen. Es war mir mehr als peinlich, ihn um so einen Gefallen zu bitten, obwohl wir über alles reden konnten. Doch er wusste, dass es sehr schwer für mich war, mit ihm über DIESES Thema zu sprechen. Er war der Mädchenschwarm schlechthin; groß, schlank, schöne, braune Locken und ein Lachen, mit dem er selbst dem trostlostesten Menschen ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern konnte. Zusätzlich war er einfach noch der netteste und intelligenteste Junge, der mir in dieser Hemisphäre begegnet war. Ich dagegen war eher pummelig, trug eine Brille, die für mein Gesicht viel zu groß schien und machte mir nichts aus Klamotten und Schminke. Ich war das genaue Gegenteil eines normalen Mädchens, was mich jedoch nicht sonderlich störte.

Plötzlich trat Chris einen Schritt näher auf mich zu.  Sein Gesicht war direkt vor meinem, sein Atem  kitzelte auf meiner Nasenspitze. Wir schwiegen uns an. Dieser Moment war uns beiden unangenehm. Doch dann begann er langsam und etwas verlegen zu sprechen.
„Hallo, ich bin Redakteur und will einen Artikel über die bezauberndste Frau, die ich jemals gesehen habe, schreiben. Wärst du bereit, dich von mir interviewen zu lassen?“ Ich hob meinen Kopf, verblüfft von dem, was er gerade zu mir gesagt hatte. Er lächelte mich verlegen an und ich konnte nicht anders, als beschämt  zu kichern.
Ich blickte ihm jetzt direkt in seine Augen, wollte fragen, ob das alles nur als Scherz gemeint war. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, sprach er schon weiter.
„Ich hab dir immer gesagt, dass du die beste Freundin bist, die man sich vorstellen kann. Du hörst mir immer zu, verstehst mich und lässt mich auch nie im Stich, egal was ich dummes veranstaltet habe.“ Er ging noch einen Schritt auf mich zu. „Ich habe jedem Mädchen einen Korb gegeben. Vielleicht waren viele von ihnen sehr hübsch oder sehr klug, aber sie waren alle nicht wie du. Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass ich kein Mädchen finden werde, dass zu mir passt. Ich möchte keines finden, verstehst du? Weil ich dich habe. Du bist das Mädchen, dass mich glücklich macht, das Mädchen, in das ich mich verliebt habe. Ich habe nur etwas länger gebraucht, um das zu verstehen.“ Er atmete tief ein, bevor er weitersprach. „Ich liebe dich, Frida, und zwar so wie du bist. Mag sein, dass das, was ich gerade gesagt habe, ziemlich kitschig klang, aber es ist nichts anderes als die Wahrheit.“
Seine Augen funkelten und ich sah, dass er das, was er gerade zu mir gesagt hatte, ernst meinte.
Und ehe ich wusste, wie mir geschah, nahm er mein Gesicht und drückte seine Lippen zärtlich auf meine.

1.11.13 11:29, kommentieren

Todeslauf.

„Jess“, flüsterte ich, „Jess, komm her zu mir.“
Die kleine Hündin spitzte die Ohren und stieß ein Bellen aus. Sie brauchte nur vier kleine Sprünge, um schließlich auf meinen Schoss zu hopsen. Ich kraulte ihr warmes, weiches Fell und schloss sie fest in meine Arme.
„Jess“, murmelte ich wieder, „da hab ich wohl nur noch dich.“
Sie bellte und ich interpretierte das als ein Ja. Immerhin eine, die mich wenigstens ein bisschen verstand. Ich gab ihr ein Leckerli, die ich auf meinem Nachttisch deponiert hatte.  Gierig schlang sie das kleine Stück Fleisch hinunter und stoß zufrieden ein Prusten aus.
„Weißt du, ich glaube, viele Menschen werden sich denken, ich habe das nur gemacht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie werden sich denken: Das dumme Kind ist so selbstsüchtig, hat sie denn gar nicht an ihre Eltern gedacht? Wie sie traurig zuhause am Küchentisch sitzen und sich nichts sehnlicher als ihr Kind zurückwünschen? Aber ich kann das nicht mehr, Jess. Mag sein, dass man für vieles eine Lösung finden kann. Aber hierfür nicht. Mein Leben ist kaputt. Ich kann mit mir selbst nicht mehr leben. Andere Menschen würden so viel dafür geben, leben zu können. Aber was soll ich nur dagegen tun?“
Jess stupste mich sanft mit ihrer feuchten Schnauze an und zwang mich, sie anzusehen. Ihre tiefen, schwarzen Augen sahen traurig aus. Merkte sie, wie es mir ging? Ich strich ihr wieder sanft durch das Fell und wischte mir mit der anderen Hand über das Gesicht, um grob die Tränen zu trocknen.
„Ich will doch gar keine Aufmerksamkeit, weißt du. Aber ich kann einfach nicht mehr. Seitdem das passiert ist… Es weiß niemand davon. Keiner außer dir. Und das soll auch so bleiben, hörst du? Nicht, dass du das Charlie aus der Nachbarschaft erzählst.“
Ich musste lächeln. Charlie war die riesige Bulldogge von nebenan, die Jess über alles liebte. Ich wusste nicht mal, warum mich das so zum Lachen gebracht hatte, aber es sah einfach zu amüsant aus, wenn die beiden über die Wiese tollten und Charlie sich irgendwann auf den Boden warf und Jess damit zu verstehen gab, dass er sich keinen Schritt mehr bewegen würde. Jess hatte Glück. Sie hatte Charlie und meinen Bruder Tom, für sie würde das Leben so und so weitergehen wie zuvor.
„Wisst ihr eigentlich, wie lieb ich euch alle habe? Wie viel ihr mir bedeutet? Ich muss mich verabschieden, Jess. Ich kann sie nicht einfach zurücklassen, ohne sie wissen zu lassen, warum ich nicht mehr hier sein will. Ich kann nicht anders.“
Ich hob sie von meinem Schoss und setzte sie auf den Boden, wobei ihr ein Knurren entfuhr. Auf dem Weg nach unten fühlte ich mich unwohl und so… traurig, als wäre mein Leben jetzt schon zu Ende.
Auf der letzten Stufe roch ich bereits die Gemüselasagne, die meine Mutter wohl in den Ofen geschoben haben musste. Ich stellte mich in den Türrahmen und wartete, bis meine Mutter, die gerade den Tisch deckte, mich bemerkte. Als sie mich bemerkte, lächelte sie.
„Schatz, da bist du ja! Es gibt in ungefähr einer viertel Stunde essen. Kommst du dann einfach runter oder soll ich dich holen?“ Wieder strahlte sie. Für meine Mam war die Welt einfach immer in Ordnung.
„Ich komme einfach.“ Sie wollte schon aus der Tür gehen, als ich ihr meinen Arm in den Weg hielt. „Mam, ich wollte dir einfach mal sagen, wie lieb ich dich habe. Danke, dass du immer für mich da bist.“
Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie schloss mich in ihre Arme und säuselte: „Ich hab dich auch lieb. Verdammt lieb mein Schatz.“  Sie löste sich wieder aus meiner Umarmung. „Aber jetzt muss ich noch die Blumen gießen.“  Sie wandte sich von mir ab und hielt die Gießkanne, die sie in ihrer Hand gehalten hatte, unter den Wasserhahn.
Und in diesem Moment wusste ich, dass ich bereit war.

3.11.13 18:46, kommentieren